Leserbriefe

Legasthenie geerbt
Ich habe folgendes Problem. Meine Geschwister und ich haben alle eine leichte Legasthenie von unserer Mutter geerbt. Mir ist durchaus bewusst, dass eine Legasthenie einen ein Leben lang begleitet. Ich selber bin Lehrerin und habe im Schullalltag besonders in Stresssituationen damit zu kämpfen: Wörter verdrehen, Rechtschreibung, Vertausche rechts und links usw. Bei guter Konzentration fällt meine Schwäche kaum auf und mit einigen Strategien ist auch der Schulalltag zu bewältigen. Jedoch ist dass sehr anstrengend. Könnten sie mir Tipps geben, wie man auch im Erwachsenenalter noch an seiner Legasthenie arbeiten kann, damit gerade in Stresssituationen nicht immer anfangen die Wörter zu tanzen und es einen leichter fällt zum Beispiel etwas an die Tafel zu schreiben, ohne das man vor jedem Wort Angst haben muss.
Antwort: Hier einige Informationen über ein erfolgreiches Legasthenietraining mit Erwachsenen
Es ist heute wohl hinlänglich bekannt, dass sich eine Legasthenie nicht auswächst, so wie man es einst gedacht hat. Der legasthene Mensch bleibt also ein Leben lang legasthen. Für die Betroffenen ist natürlich entscheidend, welche spezielle Hilfe sie in der Kinder- und Jugendzeit bekommen. Je wirksamer die Hilfe, desto schneller und leichter kann der legasthene Mensch sich auch mit Buchstaben oder Zahlen zurechtfinden.
Die Anzeichen für eine Legasthenie oder Dyskalkulie werden aber auch heute noch nicht immer erkannt und es wird lange Zeit nichts für die Verbesserung des Zustandes des betroffenen Menschen getan, bis er schließlich erwachsen ist. So zeigt es sich immer wieder, dass es auch im Erwachsenenalter eine stattliche Anzahl von Menschen gibt, die zwar trotz ihrer Legasthenie irgendwie die Schule gemeistert haben, doch mit ihrem Zustand, der sich in einem beispielsweise viel zu langsamen Lesen oder fehlerhaften Schreiben oder auch im schlechten Umgang mit der Mathematik darstellt, absolut nicht zufrieden sind. Viele dieser Leute haben bis dato keine Ahnung, welche Problematik sie dazu bringt, mit den Kulturtechniken auf Kriegsfuß zu stehen. Viele fühlen sich einfach dumm und leiden insgeheim schwer darunter. Man erlebt auch immer wieder, dass Menschen, die in ihrem Beruf tolle Leistungen erbringen, im Schreib-, Lese- und/oder Rechenbereich nicht entsprechen, an sich zweifeln und davon ausgehen, dass sie einfach doch nicht so gescheit sind, wie andere Menschen, die diese Techniken beherrschen. Aufklärung verhilft diesen Menschen nicht selten zu einem völlig neuen Lebensgefühl.
Entscheidend ist deshalb die Tatsache, dass man auch legasthenen Menschen, die bereits erwachsen sind, noch gezielt helfen kann, diese Problematik in den Griff zu bekommen. Es ist natürlich mit wesentlich mehr Aufwand verbunden, als dies beispielsweise mit einem Volksschüler der Fall ist. Verschiedene Voraussetzungen sind aber dafür notwendig. Nur wenn alle strikt eingehalten werden, ist der Erfolg vorprogrammiert.
Der erste Faktor: Der ehrliche Wille des Betroffenen, eine Verbesserung zu erreichen.
Es nützt leider wenig, wenn nur der Lebenspartner die treibende Kraft ist und mit der Tatsache, dass es beispielsweise immer wieder zu Schwierigkeiten kommt, wenn ein Formular ausgefüllt werden muss, nicht leben kann. Die Hauptperson ist der Betroffene. Er muss einen Leidensdruck verspüren, damit er die Motivation für die weitreichende aufwendige Arbeit bei einem Legasthenietraining bekommt. Es gibt nämlich auch jede Menge erwachsene Legastheniker, die sich schon längst mit ihrem Schicksal abgefunden haben, damit leben und keine Veränderung wünschen.
Diese Bereitschaft ist vom Legasthenietrainer in einem Beratungsgespräch zu eruieren. Er hat den Betroffenen ehrlich darüber zu informieren, dass eine Menge Arbeit auf ihn zukommt und dass nur sein eiserner Wille das Durchhalten gewährleistet. Oft ist es günstig, auch den Lebenspartner bei diesem Gespräch dabei zu haben, damit auch das häusliche Verständnis gesichert ist. Man soll, genauso wie bei Kindern, die Tatsache, dass das Umfeld für das Gelingen eines Trainings sehr sehr wichtig ist, nicht zu gering schätzen.
Der zweite Faktor: Das Bewusstsein, dass sich die Erfolge nicht über Nacht einstellen.
Auch über diesen Punkt muss der Legasthenietrainer mit dem Betroffenen ausgiebig sprechen. Man muss klar darstellen, dass die Verbesserungen nicht ständig vorwärts schreiten, dass es manchmal auch zu einfach nicht erklärlichen Rückschritten kommt. In diesen Phasen ist dann auch ein Durchhaltevermögen gefragt.
Das aber schließlich, nach viel Geduld und Ausdauer, doch belohnt wird. Denn eines ist dem Betroffenen klar darzustellen, dass es auch noch bei Erwachsenen zu unglaublichen Verbesserungen kommen kann, wenn der Einsatz stimmt.
Der dritte Faktor: Der richtige Trainingsansatz für erwachsene legasthene Menschen.
Es hat sich in der Praxis gezeigt und es ist auch wissenschaftlich fundiert, dass ein Sinneswahrnehmungstraining bei Menschen ab ca. dem sechzehnten und achtzehnten Lebensjahr keine Wirkungen mehr für die Verbesserung der Schreib-, Lese- oder/und Rechenleistungen hat. Auf diese Tatsache ist beim Training natürlich Rücksicht zu nehmen. Das Legasthenietraining bei Erwachsenen setzt sich demnach aus zwei großen Bereichen zusammen, der Verbesserung der Aufmerksamkeit bei den Kulturtechniken und dem speziellen und individuellen, auf die Bedürfnisse des Betroffenen abgestimmten Symptomtraining.
Das Aufmerksamkeitstraining
Wie auch bei legasthenen Kindern, ist das Bewusstsein zu gewährleisten, dass man, wenn man schreibt, liest oder rechnet, unbedingt mit den Gedanken dabei sein muss. Dies ist der Grundstein für eine erfolgreiche Arbeit. Dieses Bewusstsein beim Erwachsenen zu erreichen ist zwar leichter als beim Kind, doch die Durchführung ist wesentlich schwieriger für diesen. Dies hängt damit zusammen, dass eine jahrelang praktizierte gegenteilige Angewohnheit ganz fest im Menschen verankert ist. Das zeitweise Weggehen der Gedanken, die Oberflächlichkeit beim Schreiben, Lesen oder Rechnen, ist eine im legasthenen Menschen verfestigte natürliche Angewohnheit, der er sich zumeist gar nicht bewusst ist.
Nur die Folgeerscheinungen, die Fehler, die passieren, werden bemerkt. Es ist erstaunlich, wie viel man schon alleine mit dem Bewusstmachen dieser Tatsache erreichen kann. Nur die ständige Durchführung bereitet manchmal anfangs arge Schwierigkeiten. Doch auch in diesem Bereich bewahrheitet sich das Sprichwort „Übung macht den Meister“. Unzählige Wiederholungen dieses Aufmerksamkeitszustandes bewirken schließlich eine Umkehr zum tatsächlichen Aufmerksamsein beim Schreiben, Lesen und Rechnen. Wobei man nie voraussagen kann, wie lange ein Training in dieser Richtung dauert, dies hängt immer speziell vom betroffenen Menschen ab. Unterstützen kann man dieses Training auch mit aufmerksamkeitsverstärkenden Übungen, doch ist genau zu beobachten, ob dadurch der gewünschte Zustand eintritt. Aufmerksamkeitsverstärkende Übungen wirken nicht auf jeden Menschen, auch nicht bei Erwachsenen! Für den Betroffenen und den Trainer ist das „Aha – Erlebnis“ sehr erfreulich und die damit verbundenen Verbesserungen in den Kulturtechniken sehr wichtig.
Das Symptomtraining
Weitere Verbesserungen im Symptombereich können aber nur durch weitere spezielle und individuelle Arbeitsschritte erreicht werden. Wobei der Trainer nicht davor zurückschrecken soll, auch mit dem Erwachsenen an der Basis zu beginnen. Das bedeutet, dass das Training oftmals im Buchstaben- oder Zahlenbereich also sehr basal, zumindest mit dem Volksschulstoff, begonnen werden muss. Wichtig ist hier besonders die Erklärung, warum dies auch für den Erwachsenen wichtig ist.
Weitere Gebiete der Förderung im Symptombereich sind vom Trainer durch eine Fehleranalyse festzustellen. Auch hier ist gezielt vorzugehen. Gebiete, wie die Groß- und Kleinschreibung, die Schärfung, die Wortdurchgliederung und vieles mehr, sind auch beim Erwachsenen meistens betroffen. Ein ausdauerndes Training gewährleistet die Erfolge. Zu betonen ist auch das besondere Einfühlungsvermögen des Trainers in die schon ausgereifte Persönlichkeit des zu Trainierenden. Nicht jeder diplomierte Legasthenietrainer möchte bevorzugt mit Erwachsenen arbeiten. Der Arbeitsbereich unterscheidet sich natürlich vom Arbeitsbereich mit Kindern und Jugendlichen.
Weitere Informationen, ein Feststellungsverfahren und viele Übungen finden Sie im Buch:
Kopp-Duller, Astrid; Duller, Livia: Legasthenie im Erwachsenenalter.
Praktische Hilfe bei Schreib- und Leseproblemen. KLL-Verlag 2003.
ISBN 3-902181-02-8
Kostenlos das Buch als PDF downloaden unter: http://news.legasthenietrainer.com/
Hilfe für dyskalkule Erwachsene
Ich habe heute zufällig über eine Fernsehsendung erfahren, dass ich Dyskalkulie haben könnte. Ich war schon immer sehr leicht abzulenken und sehr unauffällig, ruhig …meine Lehrer bezeichneten mich in der Grundschule als eine “Träumerin”. Sprachlich hatte ich nie Probleme obwohl ich die deutsche Sprache erst lernen musste, weil ich 1992 nach Österreich kam. Mathematik hat mir schon immer Probleme bereitet und meine Eltern verstanden wieso nichts. Ich konnte mich nicht auf die Zahlen konzentrieren und nach ca. 15 Minuten schaute ich nur mehr auf ein weißes Blatt mit schwarzen Zeichen. Ich wurde wegen meiner schlechten Noten immer bestraft obwohl ich mir wirklich Mühe gab. Es hieß immer ich bin viel zu faul und ich lenke mich immer ab. Aber ich konnte wirklich nichts dafür, ich wollte mich wirklich konzentrieren. Was meine Zukunft anging war ich sehr unentschlossen und so entschieden meine Eltern und ich das zu wählen, was am “Normalsten” in Frage kam, die> Handelsakademie, wo ich durchfiel. Nun bin ich 24, ich habe furchtbare Angst vor Zahlen, Angst, jemand könnte mich fragen etwas für ihn auszurechnen, etwas was für andere so selbstverständlich ist. Angst ausgelacht und als dumm bezeichnet zu werden.
Antwort: Zuerst einmal dyskalkule Menschen sind weder dumm noch faul sondern haben nur einen anderen Zugang zu Zahlen, dies wird auch durch die ständige Aufklärung unserer Gesellschaft immer mehr bekannt. Es gibt natürlich auch noch für Erwachsene mit Rechenproblemen Hilfe, die aber sehr gezielt und sehr basal sein muss und wo
man auch genau so wie bei einer Legasthenie gewisse Grundsätze beachten muss. Zuerst ist einmal der unbedingte Wille des Betroffenen notwendig Verbesserungen zu erzielen. Auch ist es notwendig, dass klar ist, dass eine Verbesserung nicht von heute auf morgen eintritt und viel Arbeit und Übung mit einer Verbesserung verbunden ist.
Versagen psychologische Testbatterien?
Seit Jahren machten wir Schlimmes durch, weil mein Sohn nicht den Vorstellungen der Lehrer im Schreib- und Lesebereich entsprach. Er war ein sehr ruhiges liebes, aber sehr schlaues Kind, dies änderte sich aber, als er in die Schule kam sehr bald. Er wurde unruhig und hatte seine Gedanken, wenn er schrieb oder las, nie dabei. Reagierte bald auf Kritik sehr ungehalten. Man schickte mich zum Psychologen, der stellte eine Hyperaktivität fest, mein Sohn bekam Medikamente. Besser wurde aber nichts, außer dass mein Sohn letargisch und mutlos wurde. Inzwischen began ich mich für das Thema Legasthenie zu interssieren und je mehr ich darüber las, desto sicherer wurde ich, dass mein Sohn Legatsheniker ist und nur durch die Überforderung mit den schulischen Methoden nicht leisten kann. Ich war an unzähligen Stellen, bis ich darüber informiert wurde, dass man eine multiaxiale Diagnostik machen muss, um in den Genuss von bezahlter Hilfe zu kommen. Mein Sohn machte nun einen Intelligenztest, bei dem man feststellte, dass er nur eine verminderte Intelligenz hat, was mich schockierte, denn im praktischen Leben ist er den glechaltrigen Kindern stets überlegen. Dann wurde ein Lese- Rechtschreibtest gemacht, welchen er bestens absolvierte, denn er kann unter Umständen auch sehr gute Leistungen im Schreiben und Lesen bringen. Nun wurde er offiziell als Nichtlegastheniker bezeichnet und wir bekamen keine finazielle Unterstützung und auch keine Hilfe. Entsetzt über die Unfähigkeit der Fachleute gab ich aber nicht auf und fad zum Glück eine Legasthenietrainerin, die seit einiger Zeit mit meinem Sohn arbeitet. Sie hat ihm gezeigt, dass auch er das Schreiben und Lesen erlernen kann und die Erfolge sprechen für sich. Die Lehrer in der Schule konnen es zuerst gar nicht glauben, dazu trugen natürlich auch die unrichtigen psychologischen Diagnosen bei, sind aber zum Glück nun sehr hilfreich und unterstützen uns.
Antwort: Es bedauerlich, dass Sie so einen Leidensweg durchmachen mussten, aber in Deutschland, natürlich auch in Österreich, sind die Zustände wirklich wenig zufriedenstellend auf diesem Gebiet. Dazu kommt, dass immer weniger finanzielle Mittel zur Verfügung stehen, weshalb man auch von einer Stelle zur anderen geschickt wird. Auf der Strecke beleiben die Kinder…
Wichtig ist es vor allem zwischen den verschiedenen Interventionsebenen zu unterscheiden, denn für eine gezielte Hilfe bei S,L, R- Problemen, benötigt man vorerst ausschließlich pädagogisches Know How. Erst wenn sich zusätzliche psychische oder physische Probleme ergeben, dann sind Psychologen oder Mediziner gefragt. Bitte beachten Sie auch, dass zu oft legasthene/dyskalkule Kinder zu unrecht als konzentrationsschwach (ADD) und hyperaktiv (ADHD) und als unitelligent bezeichnet werden, weil die psychologischen Testbatterien versagen. Die Symptome, die legasthene Menschen zeigen, sind nicht krankhaft, sondern Begleitsamptome einer Legasthenie und lediglich Ausdruck dafür, nicht das leisten zu können, wie es in der Schule verlangt wird. Leider werden Betroffene oftmals verkannt und bekommen nie die Hilfe auf pädagogsich-didaktischer Ebene, die sie aber unbedingt benötigen. Ich freue mich, dass Sie die richtige Spezilistin gefunden haben, die hilfreich ist.
Zu spät?
Mein Sohn geht in die 4. Klasse einer privaten Volksschule. Mir fiel all die Jahre auf, dass er im Lesen sehr schlecht ist und sich außergewöhnlich schwer tut. Seine Lehrerin hat mich beruhigt und gemeint, er mache gute Fortschritte und ich solle ihm Zeit lassen. Es ist möglich, dass er legasthene Züge hat, die würden sich aber “auswachsen”. Er schrieb auf Gedächtnisübungen oder Ansagen (mit geübten Worten) keine schlechte Noten. In der ersten Klasse hatte er nur 1er, ab der zweiten Klasse in Deutsch einen 2er. Am Ende der 3. Klasse gab mir die Lehrerin wegen meiner wachsenden Beunruhigung die Adresse einer Psychologin, um meine Sohn auf Legasthenie testen zu lassen.
Das Ergebnis war positiv. Er hat einen IQ von 95 und eine nicht allzu leichte Legasthenie. Die erste Deutsch-Schularbeit war mit Fehlern übersäht, die Geschichte nett, benotet mit “genügend”. Auf die Mathe-Schularbeiten hat er gute 2er. In Deutsch wird er keinen 2er schaffen. Uns wurde gesagt, dass es mit einem 3er schwer sein wird in ein Gymnasium zu kommen. Wir haben uns große Sorgen gemacht, er hat doch nur eine Teilleistungsschwäche. Ich bin nun von einigen Seiten beruhigt worden, weil es scheinbar doch reale Chancen gibt, ihn in einem Gymnasium unterzubringen. Jetzt bin ich auf der Suche nach der richtigen Schule. Derzeit kümmert sich eine Legasthenietrainerin einmal die Woche um ihn. Ich mache jeden Tag nach der Hausübung noch ein Lernprogramm. Ich habe Sorge, dass er als “Dodel” abgestempelt wird und sein ohnehin schon angekratztes Selbstbewusstsein noch mehr leidet, wenn er sich im Gymnasium schwer tut. Er braucht auch Erfolgserlebnisse. Er ist fleißig und meist ganz gut motiviert. Hat er eine Chance das Gymnasium zu schaffen? Wir überlegen einen Wechsel in eine BHS nach der 4. Klasse.
Antwort: Es tu mir sehr leid, dass die Lehrerin nicht schon viel früher geschalten hat und dass Ihr Sohn nicht schon viel früher eine individuelle Hilfe bekommen hat. Je jünger das Kind ist, desto leichter ist es auch zu helfen und die Hilfe zeigt auch schnellere Erfolge. Aber es ist in keinster Weise zu spät, tatsächlich kann auch noch legasthenen Erwachsenen geholfen werden.
Grundsätzlich hat sich die HS bei intelligenten Legasthenikern noch immer als Problem herausgestellt, weil die Einteilung der Leistungsgruppen dazu beiträgt, dass das legasthene Kind – was sehr wohl leisten kann, wenn es motiviert ist – lediglich abgestuft wird und nicht mehr leisten muss, also auch nicht den Label erreicht, der für einen Besuch einer BHS aber unbedingt notwendig ist. Wichtig ist es, dass man dem Kind klar macht, dass es um das Schreiben und Lesen nicht herumkommt und ihm die notwendige Hilfe zukommen lässt. Deshalb ist ein Gymnasium vorzuziehen, wenn es irgendwie möglich ist.
Wächst sich die Legasthenie aus?
Ich habe gehört, dass sich die Legasthenie auswächst und dass ich nur drauf warten muss, bis mein Sohn älter ist, dann wir er keine Schwierigkeiten mehr bei Schreiben haben.
Antwort: In den 70er hatte Frau Dr. Schenk-Danzinger die Theorie aufgestellt, dass sich die Legasthenie mit der Pubertät auswächst. Sie kam zu dieser Aussage, weil man eine hochwissenschaftliche Studie an der Universität Wien angestellt hatte, die untersuchte, wieviele legasthene Menschen es noch in den höheren Klassen der höher bildenden Schulen gab. Da es naturgemäß wenige bis dahin geschafft hatten, kam man zu der Annahme, die Legasthenie würde sich somit nach der Pubertät geben… Frau Dr. Schenk-Danzinger, die trotzdem als Wissenschaftlerin hoch zu schätzen ist, hat kurz vor ihrem Tod diesen Fehler eingestanden. Leider hatte sich aber diese “Fehleinschätzung” schnell herum gesprochen und geistert heute noch in den Köpfen mancher Leute herum. Sie verstärkt ja auch die Wunschvorstellung, dass sich alles eh von selbst gibt, was viele Leute nur besonders gerne wahr haben möchten.
Es ist natürlich auch ohne Training möglich, dass sich bei legasthenen Menschen Verbesserungen ergeben, weil sie sich in einem bestimmten Alter zufällig selbst auf den richtigen Weg begeben, weil sie merken, was sie benötigen oder auch Menschen in ihrer Umgebung sie intuitiv richtig leiten. Leider sind nur zu viele gegenteilige Fälle bekannt.
Legasthenie und Epilepsie
Seit nunmehr einem halben Jahr betreue ich einen 9jährigen Jungen, der an Epilepsie leidet. Seine Anfallsneigung wird durch Medikamente stark reduziert, es kam jetzt innerhalb von zwei Monaten zu zwei Anfällen. Er hat eine Dyskalkulie und hat nun in der dritten Klasse zusätzliche Probleme mit der Rechtschreibung bekommen. Das Kind wird zunehmend aggressiver in der Schule, verhält sich auffällig gegenüber seinen Kameraden – möchte natürlich dadurch Aufmerksamkeit erzwingen – und das Hausaufgabenmachen gestaltet sich für die ganze Familie als eine Qual, die nie enden will. Wobei die Mutter des Jungen viel Zeit mit ihm verbringt und auch ich zweimal in der Woche mit ihm trainiere. Die Eltern sind verzweifelt und ich möchte nicht aufgeben. Was raten Sie mir? Gibt es bei Epilepsie vielleicht besondere Strategien?
Antwort: Die Epilepsie ist keine psychische Krankheit, sondern eine neurologische Störung mit relativ kurzen, plötzlichen Anfällen aufgrund von vermehrten Entladungen von Nervenzellen. Die Zusammenhänge zwischen Psyche und Epilepsie sind aber sehr vielfältig. Mit Hilfe neurophysiologischer Methoden wie den Hirnstrommessungen (EEG = Elektroenzephalographie), evozierten Potentialen und computergestützten Auswertungsverfahren lassen sich solche Zusammenhänge untersuchen.
Eher selten sind auch legasthene Kinder Epileptiker. Doch kann ich aus Erfahrung bestätigen, dass sich bei Interventionen die beiden Problembereiche kaum stören. Beide Bereiche benötigen aber natürlich das zur Verfügung stellen jeglicher Hilfe. Eine besondere Strategie kann ich nicht anraten.
Wichtig ist gerade bei einer Dyskalkulie immer sehr basal zu beginnen. Oftmals habe ich die Erfahrung gemacht, dass es manchmal den Kindern, auch schon in höheren Schulstufen, sogar an dem Erkennen der Zahlensymbole fehlt. Spezialisten scheuen sich leider nicht zu selten hier zu beginnen, doch ist diese Fähigkeit unbedingt notwendig, damit man mit Zahlen überhaupt operieren kann. Weiters ist es notwendig, bevor man mit den Grundrechenarten überhaupt beginnt, dass auch ein sicheres Zählen und Erkennen von Mengen gegeben und vertieft ist. Es hat sich sehr bewährt, diese Vorgänge bildlich zu machen.
Frustrierend ist auch manchmal die lange die Zeitspanne, wo ein Training zu greifen beginnt und die kann durchaus noch länger dauern. Ich weiß, dass es schwer ist, den Eltern und natürlich auch den Kindern dies klar zu machen, damit sie nicht den Mut verlieren.
Englischunterricht
Ich habe grundsätzlich große Toleranz mit Rechtschreibfehlern im Englisch-Unterricht. Wenn ich erkenne, dass es halbwegs richtig ausgesprochen worden wäre, bin ich schon zufrieden. Bei einem Thema habe ich Probleme, bei irregular verbs in schriftlichen Arbeiten – entscheidet dort doch oft ein Buchstabe über die richtige Zeit. Bitte geben Sie mir einen Ratschlag, wie ich damit umgehen soll.
Antwort: Zuerst herzlichen Dank, dass Sie sich über die Problematik Gedanken machen. Sollte Ihnen bekannt sein, dass der betreffende Schüler eventuell ein Legastheniker ist oder sein könnte, so werten Sie bitte besonders seine mündlichen Leistungen, die er natürlich erbringen muss, denn dann ist es absolut möglich, dass er auch einen positive Note erreichen kann. Für Schüler ist es natürlich auch sehr aufbauend, wenn man über seine Probleme spricht und Mut macht. Den meisten legasthenen Menschen ist es schon sehr viel leichter, wenn sie wissen, dass ihre Fehler nicht als absichtlich, willkürlich oder aus Dummheit gemacht, empfunden werden. Wichtig wäre natürlich auch eine spezielle Förderung, die aber aus verschiedenen Gründen leider nicht immer möglich ist. Geförderte legasthene Schüler zeigen eine stete Verbesserung und ich kenne zahlreiche Fälle, die schließlich auch Fremdsprachen schriftlich gut beherrschen.
