Legasthenietraining mit hyperaktiven Kindern
In diesem Bericht möchte ich auf die Besonderheiten eingehen, welche meines Erachtens nach ein Training mit hyperaktiven Kindern erfordert.
In meiner Tätigkeit als Sozialpädagogin habe ich schon einige Berufserfahrung im Umgang mit hyperaktiven Kindern- und Jugendlichen gesammelt, sowohl an einer Hauptschule zur Erziehungshilfe, als auch in einer Heilpädagogischen Tagesstätte. Nach meiner Weiterbildung zur Legasthenietrainerin beim Ersten Österreichischen Dachverband Legasthenie, arbeite ich nun auch im Training mit Schülern, welche von einer Sekundärlegasthenie betroffen sind.
Im letzten Schuljahr hatte ich drei Legsthenieschüler aus einer vierten Klasse Grundschule. Ein Schüler kam zu mir auf Anraten der Klassenlehrerin, da dessen Mutter eine Möglichkeit für ein pädagogisches Legasthenietraining suchte. Der Schüler Peter (Name geändert) hatte schon ein Gutachten über eine schulpsychologisch bescheinigte Rechtschreibstörung. Zudem galt er als hyperaktiv (ADHS) und hatte schon ein psychologisches Aufmerksamkeitstraining absolviert.
Der von mir durchgeführte AFS-Computertest ergab Abweichungen in der Aufmerksamkeit, sowie „Training erforderlich” bei zwei Funktionen und bei weiteren vier „Training ratsam”. Eine Rechtschreibprüfung ergab besondere Mängel in der Dehnung und Schärfung, der Wort- und Satzdurchgliederung, sowie der Groß- und Kleinschreibung. Da sowohl die Lehrerin als auch die Mutter Peter als sehr sprunghaft, grenzüberschreitend, wenig ausdauernd und ständig in Bewegung beschrieben, sodass er häufiger Ermahnung bedurfte – was auch mein Eindruck war – bescheinigte ich im pädagogischen Gutachten eine Sekundärlegasthenie. Die Anamnese ergab, dass auch ein Elternteil von einer Legasthenie betroffen war.
Die wöchentlichen Trainingsstunden absolvierte Peter gerne, aber es zeigte sich, dass es für eine gelingende Stunde einer besonderen Steuerung bedurfte. Ansonsten arbeitete Peter nämlich sehr schnell, unsauber, mit vielen Flüchtigkeitsfehlern, ungeduldig und ständig auf der Suche nach neuen Anreizen – am liebsten durch Übungen am PC. Dabei war er schnell unzufrieden, unwillig und bedurfte häufiger Ermahnung.
Nachdem ich folgende Besonderheiten für das Training mit Peter einführte, wurden die Stunden viel erfreulicher und er machte schneller Fortschritte:
- Gemeinsam mit Peters Mutter machten wir ihm deutlich, dass es ein Vorzug war, dass er dieses Training durchlaufen darf und andere Schüler nicht. Peter war nämlich sehr ehrgeizig und wollte seine Deutschnote durchaus verbessern.
- Zwischen den Funktionsübungen aus einem seiner differenzierten Bereiche durfte er eine Übung selbst auswählen und wurde somit noch mehr an der Gestaltung der Stunden beteiligt.
- Manchmal konnte ich auch seine spontanen Ideen aufgreifen, beispielsweise wenn er sich ans Klavier setzte und klimperte. Dann gab es einfach eine Übung zur Akustischen Serialität, da dieser Bereich auch differenziert war. Dadurch wurde Peters Motivation enorm gesteigert und er machte die Übung richtig gut.
- Es wurde vereinbart: Wenn er in der Stunde gut mitgearbeitet hatte, durfte er am Ende noch eine Übung, beispielsweise Font Magic zum Einprägen eines Wortbildes, am PC machen.
- Regelmäßig wurden mit der Mutter Trainingsfortschritte besprochen und diese übte auch zu Hause mit dem Easy Training Set. Peter freute sich wohl auf die Trainingsstunden, ließ sich das aber nicht immer anmerken. Durch Lob für gute Arbeit, konnte Peter stark motiviert werden. Besonders wenn er gerade in Deutsch eine gute Note geschrieben hatte.
- Über die Ferien gab es stets eine Aufgabe, welche seine Phantasie anregte und ihm Gestaltungsfreiheit ließ. Beispielsweise Wörterketten mit Tiernamen bilden und dazu sollte er aufschreiben, wie viel Zeit er für 25 Tiernamen benötigt hat. Dazu hat er dann eifrig in ein Wörterbuch geschaut, weil ihm keine Tiere mehr mit „E” eingefallen sind. Oder er sollte ein Erlebnis aus den Ferien in sein Übungsheft schreiben, oder kurz vorstellen, was er für ein Buch gelesen hat.
- Das Buch „Land in Sicht” hat er mit großer Begeisterung gelesen und dabei viel von sich wieder erkannt. Die 10 Minuten in den Trainingsstunden hierfür genügten ihm fast nicht.
- Peter suchte stets die Herausforderung in den Stunden und das erforderte eine gründliche Vorbereitung meinerseits. Er brauchte anspruchsvolle Trainingsaufgaben und wollte auch gerne, dass ich ihm eine Note unter seine Aufgaben im Übungsheft schrieb.
- Für die Übung des chronologisch richtigen Erzählens und auch zur Erweiterung seines Wortschatzes, eigneten sich Bildergeschichten, die gemeinsam noch mal verbessert wurden.
Nach einem Jahr Training können als Fortschritt festgehalten werden, dass Peter die Freude am Bücherlesen entdeckt hat und nun im Besitz eines Büchereiausweises ist. Außerdem haben sich seine Funktionen fast alle stark verbessert, was ein erneuter AFS-Test ergab. Peter wird nun auf einer weiterführende Schule gehen, da er seine Note in Deutsch verbessern konnte.
Das Legasthenietraining mit einem hyperaktiven Kind ist eine große Herausforderung, aber wenn die Eltern sehr motiviert sind und ihr Kind auch zu Hause fördern, kann es gut gelingen. Für den Trainer ist es wichtig, einige individuelle Besonderheiten in sein Training einzubeziehen und den Schüler immer wieder durch Lob und viel emotionale Intelligenz zu fördern.
Marie Wambsganz
Dipl. Sozialpädagogin (FH), Legasthenietrainerin (EÖDL)
Tags: ADHD, Hyperaktivität, Legasthenie
